Café-Guide: Berlin, Germany


An manchen Orten der Welt ist Berlin schon seit vielen Jahren wie ein magisches Codewort für Specialty Coffee. Die Hauptstadt hat es geschafft, sich zu einem Pilgerort für jeden aufstrebenden Barista zu entwickeln, und die Arbeit in einem der renommierten Franchises ist für sie ebenso wichtig für den Lebenslauf wie die Arbeit in einem Pariser Gourmetrestaurant für Köche.

Wir bei LT kennen Berlin natürlich schon seit über einem Jahrzehnt auch als Bar- und Kaffee-Stadt mit teils jährlichen Trips. Wenn auch freilich nicht so gut wie die Einheimischen, die sich in manch Fällen noch an die geteilte Stadt und den leeren Potsdamer Platz erinnern. Wir haben gesehen, wie kleinere Cafés geschlossen wurden, wie die modernen "Kiez-Cafés" aufkamen und dann natürlich die allgegenwärtigen großen Namen wie Barn, Bonanza und Five Elephant starteten, die der Stadt inzwischen ihren Stempel aufgedrückt haben.

Ähnlich wie in meinem persönlichen Einführungsartikel über Bars, in dem ich beschrieb wie mein Barinteresse in Berlin geweckt wurde, fand auch ein Großteil meiner frühen Kaffee-Reise in dieser Metropole statt. Einige internationale Mainstream-Ketten wie Starbucks, Dunkin' Donuts und Coffee Fellows habe ich während meiner Reisen noch in den frühen Jahren ausprobiert. Im Adlon habe ich dann meine Liebe zu Tonka und dem speziellen Mandel- und Vanillearoma entdeckt, da er ein wesentlicher Bestandteil ihrer eigenen Latte-Variante ist. Aber kommen wir zu unserer Auswahl:

Portier Coffee

Beginnen wir etwas weiter außerhalb des Stadtkerns mit einem charmanten Café, das sowohl wegen seiner Architektur als auch seiner inhaltlichen Qualitäten einen Besuch wert ist. Das Portier in Schöneberg befindet sich, wie der Name schon vermuten lässt, in einem sehr ansehnlichen, modernen Backsteinhaus, teils Parkhaus, teils Wohnanlage.

Das "Café" an sich ist überraschenderweise eigentlich nur ein Fenster in der Außenwand, wo früher die Kassenkabine des Parkhauses war. Solche spätere Neunutzungen sind immer ein schätzenswertes Detail, ob bei Coffee Shops oder in anderen Branchen. Der Flat White, den ich dort hatte, war unglaublich cremig und aromatisch, obwohl ich nach einem mehr als erfolgreichen Tasting im Rum Depot dort war und meine Geschmacksnerven somit bereits sehr beansprucht wurden.

Garcon de Café

Bahnhöfe haben freilich in der Regel keine guten Specialty Coffee Cafés, umso praktischer, dass der Berliner Hauptbahnhof jedoch eine komfortable Alternative zu Starbucks und anderen Ketten zu bieten hat. Anscheinend hatte das Unternehmen "Garcon de Cafe" eines dieser üblichen mobilen Kaffee-Catering-Unternehmen und expandierte dann später zu einem mehr als geräumigen, stationären Konzept.

Es befindet sich in der Lobby eines Bürokomplexes und verleiht dem Ort ein wenig Großstadtflair, hat aber auch den zusätzlichen Vorteil sauberer Toiletten und einer Umgebung, in der man gut arbeiten kann. Der Kaffee selbst ist zwar nichts Außergewöhnliches, aber für die verwendeten Bohnen (die leider nirgendwo auf der Webseite genauer benannt werden) und die Ausstattung völlig solide, gleiches gilt auch für die Backwaren.

The Barn

Der erste "große Name", der weit über die Vororte Berlins, Deutschland und sogar Europa hinaus bekannt ist. Als einer der bekanntesten Röster der Third Wave ist er weiterhin vor allem in Berlin, seiner "Heimat" präsent und hat in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten massiv zum Hype um das Thema Specialty Coffee in der Stadt und ganz Deutschland beigetragen. Die Bohnen sind überall zu finden, wie ich zahlreiche Male auch selbst feststellen durfte. Sogar in kleinen tschechischen Cafés und an Kaffeeständen an der polnischen Ostseeküste "entkommt" man The Barn nicht.

Ich persönlich und wir als LT-Team haben drei verschiedene Standorte besucht, und die Qualität kann je nach Tag und Team vor Ort ziemlich variieren. Wie bei allen großen Franchises sind einige Röstungen Massenprodukte, leicht und zugänglich oder wiederum trendy und daran orientiert was gerade im Mainstream gehyped wird. The Barn kann an einem ruhigen Tag mit einem gut ausgebildeten Barista einen wirklich guten Espresso, Flat White oder Cold Brew servieren, keine Frage. Wirklich neugierig wurde ich jedoch, als The Barn das historische Café Kranzler übernommen hat, ein legendäres West-Berliner Café mit Blick auf den KuDamm und viel Mid-Century Charme. Ich war vor einigen Jahren dort und obwohl der Kaffee (unter The Barn) hier nur okay war, schätzte ich es sehr, dass ein Stück Berliner Kaffeekultur und ein architektonisches Wahrzeichen erhalten blieb. Das Gebäude existiert noch, das Café ist inzwischen jedoch geschlossen. The Barn gibt auf seiner Webseite an, dass sie ins Erdgeschoss umgezogen sind (das, wenn man sich die Bilder ansieht, eine ganz andere, modernere Ästhetik hat), aber diese Neuauflage habe ich bisher noch nicht besucht.

Bonanza

Eine weitere große Kette mit mehreren Standorten, sodass man in gefühlt jedem Kiez einen finden kann. Wenn man die tatsächlichen Berliner unter den Gästen fragt, sind sie manchmal überrascht, dass es überhaupt andere Filialen gibt. Mit der Größe und der Designsprache gehen sie direkt davon aus, dass es nur das jeweils eine gibt. Bonanza bietet eine umfassende Auswahl an Röstungen, von klassisch bis ausgefallen, mit einer erwartungsgemäß soliden Qualität, die jedoch etwas nachlässt, wenn in der jeweiligen Filiale viel los ist.

Ästhetisch setzen diese Cafés auf helles Holz und Metall, wieder eine solide, unaufdringliche Wahl und halbwegs typisch für Berlin. Es ist auch eine dieser Röstereien, die man überall in Europa in Specialty Coffee Shops findet, die up to date sein wollen und die Trends mitgehen.

AKKURAT Café

Eines meiner derzeitigen Lieblingscafés in Berlin, sowohl was das Design als auch die Qualität des Espressos angeht. Die Lage innerhalb der Stadt ist vielleicht nicht besonders praktisch, aber wie der berühmte Gastro-Guide mit den Sternen sagt: "Einen Umweg wert". Mit seinen klaren Linien und edlen Materialien wirkt es eher wie ein High-Concept-Store für Bücher als wie ein Café.

Der Grund für das top durchdesignte Interieur ist die Partnerschaft mit einem Kreativunternehmen. Das Instagram-Profil wirkt fast ein wenig irreführend, da dort eher Sandwiches und Spritzes zu sehen sind und der Fokus weniger auf Kaffee liegt. Aber als ich dort war, gab es einen großartigen Espresso Macchiato, dunkel, aber nicht zu italienisch, "dialed in", wie man so schön sagt.

The Greens

Ein Café, das Robin und ich während einer unserer letzten Reisen besucht haben und das ich bis dahin noch nicht kannte, obwohl es in den meisten Guides erwähnt wird. Eine recht authentische Mischung aus postindustriellem Raum (in dem auch der massiven Größe entsprechend einige Veranstaltungen stattfinden) und Pflanzen (daher der Name) in jeder Ecke. Wo im Übrigen nicht nur Kaffee, sondern auch ein großartiges Frühstück angeboten wird, natürlich sinnvoll aufgrund der diversen Büros und Agenturen in der Nähe. Durch seine Lage direkt neben der Museumsinsel ist es auch die perfekte Wahl vor oder nach dem Museumsbesuch.

Robin hatte einen überraschend intensiven und vollmundigen Flat White, für ihn einer der besten in Berlin, und einen mehr als soliden hausgemachten Passionsfrucht-Käsekuchen.

Father Carpenter

The Barn, Bonanza, jetzt Father Carpenter. Wer das Gefühl hat, dass rustikales Design, "kreative" Namen und stadtweite Expansion ein wiederkehrendes Thema in Berlin sind, liegt richtig. Bei Father Carpenter liegt der Fokus in der Regel etwas mehr auf dem Essen und dem Gesamtpaket und nicht nur auf Specialy Coffee, aber letzterer ist auch mehr als solide.

Wir waren nur einmal im Café in der Nähe der Hackeschen Höfe, wo ich einen durchaus empfehlenswerten Flat White hatte. Bei der Größe des Cafés gibt es, wenig überraschend, auch einen umfassenden Online-Shop, der wie die anderen auch auf Großhandelsebene (also z.B. an andere Cafés, Büros und Events) liefert und eine Auswahl an Bohnen für jeden Anlass und jede Zubereitungsmethode bietet, ohne jemals zu speziell zu sein. Aber andererseits wird man eben nicht zu einem bekannten Namen, wenn man nicht allen gleichermaßen gefällt, also eine durchaus verständliche Entscheidung.

Five Elephant

Ich klinge langsam wie eine festhängende Schallplatte, aber: Ein weiterer Berliner Röster, der mit seinen Produkten in ganz Europa zu finden ist und meiner Meinung nach einen guten Ansatz in Bezug auf hochwertige Bohnen und deren Zubereitung verfolgt. Mir hat insbesondere ihr kleiner Kaffeestand (der mittlerweile geschlossen ist) im Food Court des berühmten Kaufhauses KaDeWe immer sehr gut gefallen.

Ich war zwar noch nie in einem ihrer anderen Cafés in Berlin (obwohl ich die Bohnen in diversen anderen Cafés auf der ganzen Welt probiert habe), aber ich kann durch die anderen Erfahrungen einen Besuch dort nur empfehlen. Das Besondere am Stand im KaDeWe war der Fokus auf Kaffee als Gourmet-Erlebnis, was meiner Meinung nach bei Barn oder Bonanza ein wenig fehlt und ich mir öfter als Konzept wünsche.

ACID

Eine Kette von Bäckereien/Specialty Coffee Cafés, die erst kürzlich in meiner persönlichen Wahrnehmung aufgetaucht ist. Das Angebot wirkte für meinen Geschmack etwas zu "hipsterhaft", und ein Besuch bestätigte zumindest diese Atmosphäre. Viele MacBooks und Yogamatten. Anscheinend stammt das Konzept aus Madrid und auch die Innenausstattung wurde von madrilenischen Designstudios entworfen. Die makellosen Bilder oben spiegeln meiner Meinung nach nicht wirklich ganz die tatsächliche Atmosphäre wider, wie so oft bei leeren Werbefotos. Wer übrigens weitere Beweise für die "messianische" Natur Berlins für Kaffee-Nerds braucht: Die spanischen Gründer wählten Berlin für ihre erste Expansion ins Ausland, weil sie dort Third Wave Kaffee entdeckt hatten, bevor sie selbst damit in Madrid anfingen.

Die Buns aka Zimtschnecken, sind lecker, wenn auch überteuert, und der Kaffee fällt ebenso in diese Einschätzung. Laut einer anderen Webseite stammen die Bohnen vom Hamburger Röster Tornqvist, aber ehrlich gesagt ist es auch hier wieder egal, ob man Matcha oder Kaffee trinkt. Ob man gerade in Berlin, Madrid oder Brooklyn ist. Was mir allerdings gefallen hat, war das Graffiti an der Außenwand unserer besuchten Location. Ein netter Kontrapunkt zu den heute oft durchdesignten, cleanen Coffee Shops inkl. entsprechendem Exterieur.

Unkompress

Eine neue kleine Ergänzung, die sicherlich mutig in ihrem Konzept ist und versucht diverse Interessen abzudecken. Teils Listening Bar, teils Café, teils Wein- und Mezcal-Bar. Die Lage ist etwas ruhiger und nicht gerade zentral, aber für manche ist es ja vielleicht genau das, was sie suchen. Für unsere Bar-Nerds gibt es spannende Tequilas und Mezcals abseits bekannter Marken zu probieren. Sogar direkt zum Kaffee, wenn man darauf steht (ich kann es nur empfehlen).

Als Kritikpunkt - wenn man denn einen suchen will - kann man die doch sehr kleine Größe des Raums festhalten, die nicht so sehr zum entspannten Verweilen oder gar "Entdecken" einlädt. Ich hatte einen ziemlich guten Cold Brew, der durch die cool designte Umgebung noch besser schmeckte. Robin bestellte einen Mezcal, und nach einiger Beratung mit dem netten Mitarbeiter fiel die Wahl auf den Don Mateo Cupreata. Eine interessante Agavenart, die wir noch nie zuvor probiert hatten. Er überzeugte am Gaumen mit Noten von getrockneter Ananas, Salbei, Eukalyptus, Mineralien, etwas Enzian und Ingwer. Das ist neben der ungewöhnlichen Auswahl auf der Karte wirklich das große Plus hier: Der Besitzer ist ein Nerd, was seine vielfältigen Interessen angeht, und das merkt man. So bekommt man dann durch die sehr kleine Fläche auch eine Art direkten und persönlichen Service (wenn man das möchte), den man in 90% der "normalen" Cafés nicht findet.

MEIER'S - Vietnamese Specialty Coffee

Bei unserem letzten Berlin-Besuch hat Robin auch dieses kleine Café besucht, das nur eine Straße vom Rosa-Luxemburg-Platz im Scheunenviertel entfernt liegt. Ein Ort, an dem sich viele trendige Modeboutiquen, Concept Stores und so weiter befinden, und wo sich auch viele junge Cafés nur eine Straßenecke voneinander entfernt angesiedelt haben. The Barn, das viel diskutierte LAP Coffee und Bonanza sind nur einige Beispiele dafür.

Das Alleinstellungsmerkmal von MEIER'S ist, wie oben im Namen als Konzept schon zu sehen, dass sich alles um vietnamesische Kultur dreht. Das bedeutet, dass die Bohnen ausschließlich von dort stammen und spezielle gemischte/gewürzte Getränke mit oder ohne Kaffee angeboten werden, die von der Kultur beeinflusst sind, sowie einige Speisen. Besonders während Veranstaltungen (wie Kulturfestivals in dem südostasiatischen Land) gibt es einzigartige Kuchen, sowohl süße als auch herzhafte, die nur an diesem Tag angeboten werden. Der Cold Brew, den Robin mit der Standardmischung aus vietnamesischen Bohnen getrunken hat, war gut, nicht übermäßig komplex, aber perfekt für den Sommer und erinnerte ihn an typische brasilianische Mischungen, d. h. mit Schokoladennoten und einer leichten Nussigkeit, mit nur einem Hauch von vegetalen Noten.

Das war's dann auch schon für unsere deutsche Hauptstadt, obwohl sie mittlerweile eine Welt für sich ist und sich überhaupt nicht mit anderen Städten in Deutschland vergleichen lässt. Insgesamt hat der Hype nicht nur geholfen. Zu viele Röster mit zu viel Ehrgeiz machen es wirklich schwierig, noch Orte zu finden, die sich wirklich die Zeit nehmen, einen Kaffee mit Liebe zum Detail und Service zu servieren. Selbst wenn man einen guten Barista kennt, arbeitet er oder sie gefühlt nur 5 Tage im Monat, und an 4 davon ist im Café (das wahrscheinlich zu einer der großen Ketten gehört) zuviel los, und dann spielt es sowieso keine Rolle mehr. Hinzu kommt der langsame Tod der historischen, traditionellen Kaffeehäuser, die zwar noch existieren, aber mit keiner der Entwicklungen der Third Wave Schritt gehalten haben (ich denke da zum Beispiel an die Berliner Kaffeerösterei oder das Adlon Café).

Kranzler unter dem The Barn Branding war für mich ein so vielversprechendes Konzept, aber wer weiß, ob es jemals in vollem Umfang zurückkehren wird. Hinzu kommen die sorgfältig inszenierte Empörung und Kontroverse um LAP Coffee und die Nachahmungen, die dadurch erst noch entstehen werden. Natürlich wird es immer einen Kiez geben, in dem ein fantastischer Röster oder ein kleines, vom Eigentümer oder Eigentümerin geführtes Café seine charmanten Stammgäste hat und großartige Arbeit leistet. Aber ich möchte nicht, dass oben erwähntes hauptsächlich der Eindruck ist, den die Menschen von der Stadt mitnehmen, wenn sie blind zum nächsten "Craft" Café auf Google Maps laufen.

/jf


LIST:

| ACID: Location / Instagram

| AKKURAT Café: Location / Instagram

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| Bonanza: Location / Instagram

| Father Carpenter: Location / Instagram

| Five Elephant: Location / Instagram

| Garcon de Café: Location / Instagram

| The Greens: Location / Instagram

| MEIER'S: Location / Instagram

| Portier Coffee: Location / Instagram

| Unkompress: Location / Instagram


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