Misty Zest
Herkunft: Singapur / 35% / Preis: ca. 30€ (30ml)
Wären die Flakons von Misty Zest nur wieder irgendein neues Produkt eines der Big Player in der Branche gewesen, auf irgendeiner Spirituosen-/Bar-Messe in Deutschland, ich will ehrlich sein: Vermutlich hätte ich keinen zweiten Gedanken beim Vorbeigehen dafür aufgebracht. Doch als Perola mich letztens fragte, ob ich Interesse hätte mir diese für einen "Test" zuschicken zu lassen, haben mich zwei reine Eckdaten - noch ganz ohne den Inhalt zu behandeln - zumindest direkt aufhorchen lassen. Erstens kommt das Produkt aus Singapur, nicht nur eines der postmodernen Mekkas der Barwelt, sondern inzwischen auch immer wieder spannende eigene Produkte hervorbringend. Zweitens steht hier nicht irgendein großer Konzern dahinter, sondern ein Kollektiv von Barkeepern, vorne weg z.B. Jarek Iwanowski, der unter anderem auch bereits einen spannenden Rum herausgebracht hat.
Misty Zest arbeitet mit schonend extrahiertem, hochkonzentrierten Zitrusöl, das vermutlich über Kaltpressung oder CO₂-Extraktion gewonnen und anschließend mit hochprozentigem Neutralalkohol stabilisiert und haltbar gemacht wird. Nach Herstellerangaben wurde ein eigenes Verfahren entwickelt, um flüchtige Terpene und Aldehyde in maximaler Reinheit extrahieren zu können. Hier genügen also ein oder zwei Sprühstöße um den Cocktail mit den Aerosolen zu aromatisieren.
Nun habe ich die kleine Auswahl von Misty Zest schon ein paar Tage und habe mir manch Gedanken gemacht, warum mir das Konzept mehr zusagt als ich anfangs erwartet hätte. Für mich stechen 3 Argumente besonders hervor, wobei ich einen davon nicht antizipiert habe.
1) Konstanz: Dieser Stichpunkt ist ja eh in Bars inzwischen der Hauptgrund für sehr viele Vorgänge (Cocktail Bitters in die selben Flaschenmodelle umfüllen, Prebatching, mit "acid adjusted" Zutaten arbeiten, etc.), selbst wenn man an diese und jene Frucht kommt, gibt es viele Faktoren, die die Intensität der Öle stark variieren lassen. Die Charge der Frucht, das Alter, die Lagerkonditionen, teils sogar die Tageszeit während man final die frische Zeste nutzt und die örtliche Raumtemperatur machen viel aus.
2) Verfügbarkeit: Außer Zitrone und Limette bekomme ich selbst in einer Millionenstadt wie Köln, mit vielen großen, an sich gut sortierten Supermärkten oft die meisten Zitrusfrüchte 30-40% der Zeit nicht in akzeptablem Zustand (oder garnicht). Immer wieder bin ich überrascht wie oft ich nicht einmal eine Bio-Orange (oder zumindest eine mit unbehandelter Schale) bekomme und wenn dann sind sie oft schon komplett aufgeweicht, ohne jeden Rest Öl in der labbrigen Schale. Bei Grapefruit trifft dies umso öfter zu. Von Yuzu und Verfügbarkeit brauchen wir erst gar nicht anfangen in Europa, da erklärt sich der Kaufgrund von selbst.
3) Intensität: Dies ist der Grund, den ich so nicht vorhergesehen habe. Mir gefällt die Intensität der Produkte und zwar eben weil - Überraschung - sie nicht so intensiv sind. Wenn ich eine Zeste bei idealer oder auch nur guter Fruchtreife habe, ist für manche bestimmte Fälle mir der Duft von frischen Spritzern schon ein zu großer Kontrast zum Cocktailgeschmack selbst. Ich bin da möglicherweise in der Minderheit, aber gerade bei manchen oldschool, deftigeren Old Fashioneds (z.B. mit Rye) oder Manhattans will ich nicht in der Nase reine, aggressive Zitrusnoten haben und im Mund plötzlich hartkantigen, eichigen Alkohol. Mit den Aromatizern hier ist 1 Sprühstoß noch schön elegant und wie ein Seidenmantel, frisch, aber nicht beißend, der restliche Drink scheint noch schön durch. Perfekt für eben Manhattans und Old Fashioneds, bei einem Negroni würde ich auf 2 Stöße gehen, da der Drink mehr Frische verträgt und bei noch spritzigeren Cocktails kann man sogar auf 3 gehen. So kann man das hier gut adjustieren je nach Drink (und Spirit) und präziser sowie schneller arbeiten.
Wie immer, wenn ich ein Produkt zugeschickt bekomme und es mir auch zusagt, mache ich zum begleitenden Artikel gerne einen passenden Signature. Insbesondere, wenn die Zutat etwas "obskurer" ist (Yuzu) und es keine direkten Moden Classics als Beispiel für meine Produktvorstellung gibt. Als der Misty Zest Yuzu ankam, habe ich also schnell an einen asiatisch inspirierten White Negroni-Twist gedacht.
White Silk
| 40ml Daiyame Shochu
| 5ml J.M. Rhum Blanc 50%
| 25ml Lustau Blanco Vermouth
| 20ml Luxardo Bianco Bitter
| 0.75ml Muyu Vetiver Gris liqueur
| Misty Zest Yuzu (aromatize)
Stir all ingredients (except the Misty Zest) over ice until sufficiently chilled. Prepare a prechilled rocks glass with 1-2 mists of Misty Zest Yuzu, strain you drink over one large ice cube into the rocks glass. Add another 1-2 mists of Misty Zest Yuzu over the drink. Optional garnish: lemongrass, banana leaf or dried lime wheel.
Was die Negroni Balance betrifft, muss die Basis (Shōchū) hier natürlich ausgebaut werden, nur mit einem Hauch Rhum aufgepeppt, da Shōchū weniger % hat und allgemein sehr smooth ist. Der Daiyame kommt dabei toll durch mit Litschi, Melonen und Trauben. Die sanften Fruchtnoten werden eingefangen vom trocken-bitteren Luxardo Bianco mit mediterranen Kräutern. Als Brücke zwischen beidem fungiert der weiße Wermut, der sowohl die fruchtigen Noten, als auch Kräuter in sich vereint. Das I-Tüpfelchen für mehr Komplexität sind dann der Vetiverlikör und natürlich der Misty Zest Yuzu, um die aromatische Zitrusfrucht mit in den White Negroni zu bringen und nochmal alles frisch zu beleben.
Hier in Deutschland bekommt ihr den Misty Zest Yuzu direkt bei Perola Import.
/rds
Der Misty Zest Yuzu wurde kostenfrei von Perola Import zur Verfügung gestellt, danke!

