#72 | A Bar Called Gemma, Stockholm, Sweden


Last Visit: Spring 2025

Im nächsten Beitrag aus Stockholm besprechen wir diesmal Gemma, eine Bar, die wir aus gegebenem Anlass genau jetzt vorstellen, denn sie hat ihre Schließung für Ende März 2026 angekündigt. Allerdings mit dem immer wieder bei solchen Posts zu findenden "Es werden neue Dinge folgen!", also mal sehen. Auch wenn sie nicht zu meinen persönlichen Must-Visits gehört, sind die gesamte Atmosphäre und die Leidenschaft, die dort in das Projekt gesteckt wurde, spürbar und zeigen sich in allem, vom Design der Karte bis hin zur Servicekultur.

Von außen sieht "A Bar Called Gemma" (mir gefällt die Kurzform "ABCG" sehr gut, nach der auch ein Drink benannt wurde) wie ein schickes Bistro aus, das an manch französische Seitenstraßen erinnert. Dank seiner zentralen Lage ist es darüberhinaus ein idealer Ort für einen Zwischenstopp vor dem schicken Essen oder für einen Drink nach der Arbeit und für Verabredungen. Ich ging nach meinem Besuch bei Lucy's Flowershop ohne Reservierung hin und es war bereits gut besucht. Das Team war jedoch unglaublich freundlich und hilfsbereit und sagte mir, ich könne einen Platz auf der beheizten Terrasse bekommen und sie würden mir so schnell wie möglich einen Platz an der Bar besorgen (wobei sie sofort verstanden haben, dass ich die Kategorie Gast bin, der die Bartheke bevorzugt).

Copyright: A Bar Called Gemma & Yelp

Also wartete ich draußen, was mir wiederum die Gelegenheit gab, mich mit dem außerordentlich schick in grünem Leder gebundenen Menü vertraut zu machen und auch die anderen Besucher zu beobachten. Hier kommen viele Gruppen an Gästen hin, und in gewisser Weise erinnerte mich das an unsere (Robins und meine) Zeit im "Employees Only" in New York vor all den Jahren. Wie dort auch weiß das Team hier wahrscheinlich sehr genau, welche Drinks am besten und am schnellsten ankommen und wie man alle Gäste effizient unterbringt. Die Karte enthält eine recht ausführliche Erklärung des Konzepts, was ich schon mal grundsätzlich mehr schätze als einen QR-Code und eine Liste kryptischer Drinks.

Es gibt aktuelle Signature-Drinks, Klassiker und dann zwei "legendäre Klassiker", den "Gemma" und den "Renegade of Funk". Die Bar ist zwar nicht das, was ich als Tiki bezeichnen würde, spielt aber mit Spirituosen wie Tequila und Rum und hat im Innenbereich einige dieser Dekorelemente, allerdings alles auf ironische Weise umgesetzt. Ich liebe z.B. den charakteristischen Affen in Neon hinter der Theke, sowie die 80er-Jahre-Musik, die hier großteils läuft. Als ich dann bereits den Platz nach drinnen wechseln durfte, entschied ich mich für den "Heatwave", da ich Lust auf intensive Aromen hatte und Palo Santo das fast immer liefert.

Heatwave

| Ocho Reposado Tequila
| Lustau Amontillado Sherry
| Fermented Chili Honey
| Palo Santo

| Citrus

Weniger scharf, als man erwarten würde, und vielleicht auch weniger, als ich mir nach den ohnehin schon milden Aromen bei Lucy's gewünscht hätte. Die Zitrusfrische steht im Vordergrund, wie bei einem klassischen Sour. Ein angenehmer Drink für die breite Masse, bei dem das Thema Fermentation sogar besser gelungen ist als bei Lucy's. Er hat einen niedrigen Alkoholgehalt und könnte ohne großen Unterschied auch mit jeder anderen Spirituose als Tequila im selben Konzept zubereitet werden.

A Bright Day

| Almqvist Rejmyre Akvavit
| Cocchi Americano
| Siete Misterios Mezcal
| Pickled Grape

| Vetiver

Ich habe erneut gefragt, was das Team als Favoriten ansieht, und dieser Cocktail wurde mir empfohlen. Er wurde als "dekonstruierter Mojito" beschrieben, was erstmal vielleicht etwas seltsam klingt, aber der Geschmack ergibt in dem Kontext Sinn. Es ist wieder ein sehr leichter Drink, süß und floral, wobei sich sowohl Akvavit als auch Mezcal im Hintergrund vermischen, ähnlich wie es ein milder weißer Rum tun würde. Ich fragte, ob der Vetiver von Muyu stamme, und das wurde bestätigt. Leider finde ich, dass es ein klein wenig zu viel von dem eigentlich klasse Produkt ist, da er so alles recht stark überlagert und versüßt, sodass die eingelegten Elemente und Spirituosen kaum noch zu erkennen sind.

Dennoch merkt man, dass viel Überlegung in die Drinks geflossen ist, und wenn man sich die Karte ansieht, gibt es so viele spannende und interessante Kombinationen, die einen Versuch wert sind. Es war eine wahre Freude zu sehen, dass ich mich trotz eines vollbesetzten Raums und Menschen, die draußen warteten, nie gehetzt fühlte und sogar alle meine Fragen beantwortet bekam. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt und ob einige aus dem Team zu anderen Projekten wechseln werden. Gemma ist zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels nach wie vor der kreative Kopf hinter "Othilia" im "Operakällaren", einer Bar innerhalb des mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Restaurants in der Stockholmer Oper, die separat besucht werden kann. Ich hatte ebenfalls die Gelegenheit, dort vorbeizuschauen, und das wird unser nächster Artikel über Stockholm sein. Ich hoffe also, dass die Gastfreundschaft und Kreativität dort und in möglichen neuen Unternehmungen weiterleben werden.

Cheers,

/jf


Auszüge aus dem Menü während des Besuchs (zum Vergrößern anklicken):

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