#73 | Moloko+, Frankfurt, Germany
Last Visit: Summer 2025
Als ich Anfang letzten Jahres erstmals das moloko+ betrat, schwebte noch ein wenig das Gefühl eines kleinen Geheimtipps in der Luft. Zwar hat die Bar sich bereits 2023 von einer Tagesbar mit Essen, Kaffee & Co. neuerfunden zu einer mehr Cocktail-fokussierten Bar für den Abend, aber gut Ding will ja Weile haben. Immer wieder merke ich das auch bei Auslandsreisen, oft verpasst man spannende Eröffnungen der letzten 1-2 Jahre trotz bester Recherche, weil sie sich eben erst rumsprechen müssen. So sprach es sich zum Jahreswechsel 24/25 auch bei mir rum, Freund und Bartender/Barbesitzer Patrick Schweiger aus dem famosen dstrct.art in Düsseldorf hatte mir bereits ein paar Male einen Besuch empfohlen und so sollte es dann auch dazu kommen, am Ende eines kurzen Trips in die Stadt am Main.
Vielleicht lag es auch daran, dass sich der Geheimtipp-Status (in den Wochen nach meinem ersten Besuch kannten noch so einige Bartender nichtmal den Namen) nicht mehr lange danach hielt, dass der Artikel etwas spät erscheint. Es ist immer ein wenig demotivierend, wenn man denkt man kann Leuten begeistert von etwas "neuem", spannendem erzählen und ein paar Monate später - der grobe Artikel-Draft schon fertig - kommen dann doch eh die Nominierungen, Preise, Artikel und Bekanntheit mit einem Schlag. Gegönnt und verdient alle Male, deshalb musste es nun auch endlich mal dran sein, zu gut ist es, um es weiter zu verschieben.
Bereits beim Stehen vor der Tür kam der schlichte Gedanke "Das ist ja cool". Warum das? Einerseits die Lage, quasi auf einer großen Halbinsel, an einer Spitze von zwei zusammenlaufenden Straßen eingerahmt, direkt gegenüber der "Alten Brücke" über den Main. Die heißt zwar alt und ist es auch, aber alleine dieses Gefühl über den Fluss zu schauen, in Frankfurt, der Horizont und die zwei durchaus sehr verkehrsintensiven Straßen die direkt drumherum laufen, es hat irgendwie direkt dieses typische Frankfurter kosmopolitische, transkontinentale Gefühl. Unterstrichen wird es auch von der Location selbst, von außen ein recht großer Platz für eine Terasse hin zur Brücke, große, wundervolle Fensterscheiben (siehe unten) eingerahmt von meinerseits immer schon geliebten Messingfassungen, typisch für Gebäude der 1960s.
Innen geht dieser Eindruck und sogar konkret jenes Jahrzehnt auch weiter: Mid-century ist angesagt, in Theke, Holz, Kunst, Lampen. Aber noch elegant, stimmungsvoll Freiraum lassend und zeitlos, nie wie im Museum, und boy, do I love authentic Mid-century interior. Veranwortlich hierfür: Tom und Bijankina Lerotic, ihres Zeichens Besitzer und große Fans und Sammler jener tollen Stücke, allesamt Originale von Herman Miller, Vitra und Knoll.
Was man in so großen Räumen auch benötigt (kennt man aus manch riesen Hotelbar), ist natürlich entsprechender Service bzw. Gastgebertum, damit man sich bei noch halbwegs leerer Bar nicht direkt verloren fühlt. Beides war mit Wärme und Fachkenntnis da, alle Fragen zu den spannenden Drinks konnten direkt geklärt werden, auch die Wandlung der Bar hat man mir kurz nahegebracht.
Apropos spannende Cocktails, kommen wir noch zum Menü (siehe unten): Schlicht, modern, passt natürlich zum Stil der Einrichtung und modernen Ausrichtung der Bar, ich persönlich fände ein paar kleine Grafikelemente (passend zu Mid-century vllt. etwas geometrisch abstraktes) noch ein nettes I-Tüpfelchen auf der aufklappbaren Karte mit ca. 12 Signature Drinks. In vielen davon kommt der Rotovap zum Einsatz, einer der soweit ich an anderer Stelle hörte sogar mehreren im Besitz des moloko+ wird auch stolz beleuchtet direkt hinter der Theke präsentiert.
Namas
| Gin
| Apple
| Rooibos
| Burnt Star Anise
| Sour Grape
Ohne überhaupt die Eigenkategorisierung im Menü ("crispy/clean/ toasted spices") gelesen zu haben, kam ich zu einem sehr ähnlichen Urteil in meinen ersten Notizen zu diesem klasse Einstieg: "Crisp, clean, aromatisch, fein spicy"! Wenn das nicht für meine Sommelier-Fähigkeiten in der Cocktailwelt spricht, weiß ich auch nicht… Aber nochmal zum Drink selbst: Er schafft es trotz seiner sehr kristallklaren Art, sowohl im Look als auch den Aromen, einen schön vollmundigen, fast schon cremigen Körper mitzubringen. Darin findet sich abseits des trockenen Apfels (in Form eins Destillats von Mosel Distillers) eine tolle Anisnote, generell tolle Teenoten und die crispy Frische des Gins natürlich. Ein klein wenig Verjus (Sour Grape) gibt den kleinen, ausgleichenden frischen Ton, damit es nicht schon Richtung trockener Martini geht. Einer meiner Lieblingsdrinks der ersten Jahreshälfte überhaupt und eine tolle Aromenkombination.
m+ Martini
| Cognac VS
| Vermut Blanco
| Coffee
| Brown Butter
| Banana
Schon eine sehr entfernte Interpretation einer Martini-Vorlage, aber sonst hätte ich ihn wohl auch gar nicht erst bestellt. Der Kaffee kam klar am intensivsten durch, dahinter deutliche Trauben des Base-Spirits und Wermuts, fein angebranntes Karamell von der Brown Butter im Finish. Die Banane war in Form von Bananenlikör dabei und hätte gerne einen Tick mehr durchkommen können, ging im Vergleich etwas unter als entfernte Bananenchips, was den Drink aber nicht weniger lecker machte. Der Brown Butter Fat Wash in reinem Wodka (statt im Cognac) als einzelne Zutat macht ihn schön klar und intensiv, Muntaner als Wermutmarke war eine fantastische Wahl, in dem wiederum crushed Kaffeebohnen mazieriert wurden. Kaffee-fokussiert, leicht trocken, auch eine schöne, elegante Mineraligkeit und aber auch genug Süße von Trauben und kulinarische Noten des Fat Washs, ziemlich cooler Signature.
Red Flag
| Gin
| Habanero
| Milky Oolong
| Japanese Plum
Diese Kombination werde ich auf keinem Barmenü lesen und dann nicht bestellen. Die Habanero war tatsächlich selbst destilliert im Rotovap, in 90% der Fälle ist es ja immer wieder ein Empirical Spirit Bottling, wobei die ja auch immer schwieriger zu bekommen sind. Also Respekt für die Eigenarbeit! Die Pflaume ist ein typischer japanischer Ume-Likör und der Oolong Tee wurde als Cordial verarbeitet. Jenes Cordial hat sicher auch zu etwas mehr Körper geführt, als eben mit eher wässrigem, aufgegossenem Tee zu arbeiten und gleichzeitig mehr Teenoten herausgekitzelt, als ein normaler, schlichter Teesirup. Heraus kam ein schön eleganter, malziger und fein rotfruchtiger Drink. Ersteres vom Tee, letzteres kommt kulinarisch spannend von der Habanero, wie bei den Empirical Abfüllungen übrigens ja auch merkt. Die Pflaume war eher unterstützend als dezente Süßung da (ähnlich wie John es letztens in Stockholm beschrieb), als wirklich intensive Pflaumennote. Eine typische Charakteristik von Ume, eher deftig-süß und heller, als klassische europäische Pflaumenassoziationen.
Wie man sieht spielt das moloko+ mit allerlei Aromen von Asien bis zum Mittelmeer, ähnliches gilt im Übrigen auch für die sehr nette kleine Auswahl an Bar Food, von Arancinis zu Waffeln oder gerösteten Jalapenos, immer nett nicht alltägliche (in Bars zumindest) Sachen zum knabbern zu haben. Das Team ist sehr freundlich und hat nicht ohne Grund inzwischen so einige wichtige Nominierungen und Auszeichnungen nachhause gebracht, sowie überhaupt den Namen moloko+ zu einem der wirklich bekannteren in Bar-Deutschland gemacht im Verlauf der letzten 2 Jahre. Die Drinks haben spannende Aromen, die für mich als Spice-Liebhaber zumindest bei 1-2 Drinks auf der Karte gerne sogar nochmal einen Tick funkier/mutiger durchstrahlen können, so oder so war ich aber mit jedem einzelnen sehr happy. Daher ist das moloko+ inzwischen auch in meine Top 10 in Deutschland gerutscht, wenn an dem Kurs einfach weiter festgehalten wird - mit dem ein oder anderen Experiment hier und da noch - kann es nur weiterhin fantatsisch bleiben.
/rds
Die Menüs während meines Besuchs Anfang 2025 und Johns später im Jahr (für Originalgröße anklicken):

