#71 | Advocatuur, Rosewood Hotel, Amsterdam, Netherlands


Last Visit: Winter 2025

Nun haben wir den Luxus, nicht nur Cocktails, Kaffee und Essen für Amsterdam auf unserer Website zu präsentieren, sondern auch die Stadt bereits unabhängig voneinander erkundet zu haben (das heißt ich, John und Robin, der zuvor ebenso eine großartige Tour dort gemacht hat). Ich empfehle, vielleicht ein paar der anderen Artikel zu lesen, um sich bereits ein genaueres Bild von der Stadt und ihrer Barkultur zu machen. Wer dagegen direkt in eine der aufregendsten neuen Bareröffnungen Europas für 2025/26 eintauchen möchte, darf das gerne hier tun.

Die Rosewood Hotels haben in den letzten Jahren eine planerisch sicherlich aufwendige Renaissance erlebt, was ihre Bars angeht. In München gibt es die Bar Montez, die viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, in Paris haben wir 2024 Les Ambassadeurs besucht und in Amsterdam gibt es jetzt Advocatuur. Auffällig ist, dass alle diese Bars einer allgemeinen konzeptionellen Leitlinie folgen, die sich auch im Design des Advovatuur widerspiegelt. Ein raffiniertes, luxuriöses Interieur, wie man es von einer Hotelbar dieses Niveaus erwarten würde, aber mit einem gewissen Maß an Unabhängigkeit für das Bar-Team, um eigene, geschmackvolle Akzente zu setzen.

Copyright: Advocatuur

Bei Advocatuur ist es ein erfahrenes Bar-Team, das die Tradition des Genever und der niederländischen Destillation aufgreift und diese hausgemachten Spirituosen für eine Vielzahl von leicht zugänglichen Cocktails verwendet. All diese Konzepte zusammen können es anfangs etwas schwierig machen, das große Ganze zu genießen. Der Name stammt übrigens von dem Gebäude, in dem früher eine Justizbehörde untergebracht war. Dann gibt es eine Karte zum Thema „Punk” und „Rebellion”, die auf dem wiederbelebten PROVO Genever basiert, und eine Atmosphäre, die viel entspannter ist, als man es in einer 5-Sterne-Hotelbar erwarten würde. Das Team gibt sich alle Mühe, umfassend zu erklären und zu erläutern und gibt einem jede Menge Zeit, um zu verstehen, was angeboten wird.

Die Musik, typischer 90er-Jahre-Rap, Songs, die man in einer lokalen „Barkeeper-Bar” erwarten würde, ist ziemlich laut. Lustig, denn auf der Website wird die Musik ganz anders präsentiert. Das Personal unterhält sich mit den Gästen im ganzen Raum, und obwohl es Kellner gibt, sind sie nicht die Art, die beim Betreten die Tür aufhalten. Nichts davon hat mir die hervorragenden Cocktails und das Handwerk und die tolle Zeit, die ich hatte, genommen, ich wünschte nur, das Konzept wäre einheitlicher. Aber wie viele Bars kennen wir, die ein „fantastisches konzeptionelles Erlebnis“ bieten, aber enttäuschende und leblose Drinks servieren?

Kopstuk

| PROVO Genever
| Advocatuur Dry Vermouth
| Justitin House Beer
| Quail Egg

Da es sich eher um eine Kombination aus Drinks und Speise als um einen "simplen" Cocktail handelt, wollte ich mit eben diesen Signature "Hausprodukten" beginnen, denn dafür ist schließlich die gesamte Brennerei mit ihrer stolz präsentierten Kupferbrennblase (siehe Bilder oben) direkt neben der Bar da. Ein seidiger, eher dilluted, vermouthlastiger Martini in einem kleinen Glas, dazu ihr eigenes Bier, das Justitia Lager, und ein Wachtelei als Beilage. Die Geschichte dieser Kombination, Kopstoot, kann man auf den Menüseiten unten nachlesen. Sowohl der Genever als auch das Bier sind auf den modernen Geschmack abgestimmt und daher nicht unbedingt so historisch, wie sie sein könnten, aber es ist ein unterhaltsamer Einstieg. Erwarten darf man nur nicht, dass dies Liebhaber von eher neoklassischen Martinis oder komplexem Craft Bier überzeugen wird.

Wild Romance

| Bowmore 12
| Evaporated Stroopwafel
| Salted Caramel Verjus
| Absinthe

Ein kraftvoller Sazerac und einer der besten, die ich je getrunken habe. Er beginnt süß und kräuterig mit dem Besten, was Absinth zu bieten hat, und betont die Aromen statt nur den Alkohol. Darunter wärmt einen der heidekrautige, leicht rauchige Scotch, sodass der Drink eher wie ein Perfect Serve für den Bowmore wirkt als wie ein besonders "holländisches" Getränk (in Hinblick auf die Stoopwafel), aber das stört mich keineswegs. Wenn ich diese Zutaten auf der Karte sehen würde, hätte mich das vielleicht abgeschreckt, weil ich einen Sazerac im Ahornsirup-Stil erwartet hätte, aber die Salzigkeit und das Karamell sind elegant integriert und unterstreichen den Luxus des Konzepts, alle Spirituosen und Zutaten von Grund auf selbst herzustellen.

Mercy

| Hendrick’s
| Kiwi
| Chinotto
| Fig Leaf Distillate

Nach dem Genever-Pairing und der Sazerac/Old Fashioned Mischung habe ich das Bar-Team für mich wählen lassen, und auf diesen Drink waren sie besonders stolz. Er ist auch ein Publikumsliebling, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum. Bei einer Blindverkostung hätte ich aufgrund seiner grünen und süßen Noten auf früh geernteten Spargel als eine der Zutaten getippt. Es ist einfach die perfekte Balance zwischen sauer, bitter und fruchtig, wobei die Säure alles nochmal mehr zur Geltung bringt. Eine "Kategorie" kulinarischer Drinks, die wir beide auch im De Vie in Paris beeindruckend fanden (der Bartender stimmte mir bei dieser Einschätzung zu). Das Einzige, was ich mir noch gewünscht hätte, wäre vielleicht eine stärkere Verbindung zur Region (oder zum Thema des Menüs oder zum Standort) gewesen.

Trotz einiger verwirrender Entscheidungen innerhalb ihres komplexen Konzepts verdient sich Advocatuur einen Spitzenplatz unter meinen europäischen Favoriten und ist ein Muss für jeden Amsterdam-Besucher. Nirgendwo in Amsterdam sonst gab es präzisere, interessantere Aromen in so unterschiedlichen Richtungen (der eine mit Schwerpunkt auf Whisky, das andere sehr kulinarisch). Die Atmosphäre entsprach zwar nicht ganz meinen Erwartungen, aber das Personal hat sich sehr bemüht, dass man sich willkommen fühlt, und stand jederzeit für Fragen zur Verfügung. Wer zu den Hotelgästen gehört, die vielleicht eine ruhigere, elegantere Lobby-Bar bevorzugen und beispielsweise die unglaubliche Auswahl an seltenen Whiskys genießen möchten, bin ich mir sicher, dass man einen anderen Bereich des Hotels zeigen würde, der den Vorstellungen entspricht und wo man seinen Drink dann auch genießen kann. Das Restaurant selbst ist eh einen Besuch wert, da es eine noch bessere Weinkarte und auch Cocktails an der eigenen Theken-Bar bietet.

Cheers,

/jf


Excerpts from the menu during the visit (click for original size):

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