#69 | Lucy's Flower Shop, Stockholm, Sweden


Last Visit: Spring 2025

Aller guten Dinge sind nun drei, wenn es um unsere Artikel über Bars in Stockholm geht. Ein Highlight, eines weniger, und mit Lucy's etwas, das irgendwo dazwischen liegt. Eine moderne Bar, die viel zu bieten hat und an sich Potenzial für weitere Besuche hat, die mich an diesem Abend jedoch nicht ganz überzeugen konnte.

Lucy's Flower Shop ist eine Speakeasy-Bar, aber alles andere als ein Geheimtipp. Sie findet sowohl in der internationalen Bar-Szene (mit zwei Platzierungen in der World's 50 in den Jahren 2021 und 2022) als auch im lokalen Stockholmer Nachtleben große Beachtung. Daher ist es übrigens immer ratsam, hier zu reservieren. Auf den ersten Blick und auch nach einem schnellen Check auf Google Maps schien sich die Bar im Erdgeschoss eines beeindruckenden, wenn auch ein wenig heruntergekommenen Gebäudes in der Birger Jarlsgatan zu befinden. In dieser Straße findet man auch schicke Flagship-Stores und andere trendige Bistros, also keine schlechte Gegend. Es stellte sich aber bei Ankunft schnell heraus, dass das Lokal im Erdgeschoss nur eine weitere, eher einfache Bar ist. Im Obergeschoss befindet sich auch ein Club, und obwohl sich der eigentliche Lucy's Flower Shop im Keller befindet, scheint es eine Verbindung zwischen all diesen Locations zu geben, aber das ist hier nicht unser Thema.

Das gesamte Konzept des "geheimen, verlassenen Blumenladens" ist etwas irreführend, da sich der Eingang hinter einer modernen Schiebetür befindet, wo die Gäste warten und sich "ankündigen" müssen. Recht clever, denn wenn es drinnen zu voll ist, sollen die ersten inneren Türen zu Lucy's selbst gar nicht erst geöffnet werden. Bei der eigentlichen Location handelt es sich dann hauptsächlich um recht dunkel gehaltene Kellerräume, die mit einigen Blumen (etwas wenig für das Storytelling drumherum) dekoriert sind und im zweiten Raum über eine minimalistische Bartheke verfügen.

Das violette Branding ist geschmackvoll verteilt und taucht auch auf der Karte und den Untersetzern wieder auf. Ich persönlich finde es toll, wie stark diese Brand-Identität zum Ausdruck kommt, aber im Vergleich zu einigen anderen Bars in Stockholm hatte ich vielleicht etwas mehr von einem "Speakeasy-Blumenladen" erwartet. Ein gutes Beispiel für diese Ästhetik und wie man es richtig macht, wäre die Floreria Atlantico (Artikel folgt noch), die wir in Barcelona besucht haben. Wie in anderen Bars bieten auch hier im Lucy's die hell beleuchteten Fotos einen deutlich besseren Blick auf viele Details, die in der Realität im dunkleren Raum manchmal verborgen bleiben.

Der Service war, wie ich überall in Stockholm erlebt habe, in puncto Freundlichkeit genau richtig. Nicht zu aufdringlich, aber höflich, aktiv und gut eingespielt. Mir wurde ein Tisch im zweiten Raum angeboten, abseits der Bar und eine einseitige Karte mit den Signatures, die alle nach ihren Zutaten benannt sind und die am Ende dieses Artikels zu sehen ist. Ein klares Design, wenn auch sehr schlicht, das auch zu den Untersetzern und Farben passt. Bei meiner Reservierung wurde nichts von verschiedenen Menüs erwähnt, und auch beim Betreten wurde ich nicht darauf hingewiesen, dazu später mehr. Viele der Cocktails sind auch in einer preisgünstigen Version mit sehr niedrigem Alkoholgehalt erhältlich, was bereits deutlich macht, dass es sich um eine moderne Bar für ein modernes Publikum handelt. Das passt zu einer Stadt, in der oft das Essen wichtiger ist und es sich mehr lohnt, dafür auszugehen, als für Alkohol.

Nachdem ich gefragt hatte, welcher der Signature-Cocktails einem Old Fashioned am nächsten kommt und welcher die stärksten Aromen hat, entschied ich mich für den Rye & Apple, der vielversprechende lokale Zutaten enthält. Erst später erfuhr ich (an einem anderen Tag in einer anderen Bar), dass Lucy's auf Fermentationen und damit auch auf Essige spezialisiert ist, sodass es eine unbeabsichtigte gute Wahl war.

Rye & Apple

| Michter's Rye
| Cox Orange Apple
| Apple & Malt Vinegar

Das Wichtigste zuerst: Die Qualität des Eises ist unübertroffen und, wie in anderen Stockholmer Bars auch, Weltklasse. Hilft das dem Cocktail? Nicht wirklich. Die Nase bietet viel Säure und wenig anderes. Nach dem Probieren dominieren meiner Meinung nach die negativeren Seiten von Michter's, was bei einer an sich so hochwertigen Spirituose leider schade ist. Es gibt wenig aromatischen Apfel. Der Drink erreicht nach einer Weile einen angenehmeren Sweet Spot, erreicht aber nie das Potenzial der einzelnen Zutaten. Rückblickend ist er vergleichbar mit dem ähnlich thematisierten Drink im Röda Huset (unser Artikel hier), aber etwas ausgewogener und trinkbarer. Er hat bereits einen recht niedrigen Alkoholgehalt, daher kann ich mir nicht vorstellen, wie er in einer schwächeren Version funktionieren soll und dabei eine lohnende Geschmacksintensität oder Ausgewogenheit behalten könnte.

Sea Buckthorn & Coconut

| Diplomatico Reserva Exclusiva & Planas Rum
| Planteray Cut & Dry
| Sea Buckthorn
| Coconut

Ich blieb bei meiner Idee, nach starken und aromatischen Drinks zu fragen, und wechselte von Roggenwhiskey zu Rum mit diesem "Pina Colada"-ähnlichen Twist. Die Textur überraschte mich am meisten, denn trotz des Crushed Ice war der Drink (auch längere Zeit) angenehm creamy, ein weiteres Zeichen für die Qualität des Eises. Die Mischung der Rumsorten sorgte für eine angenehme Würze. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass sowohl Kokosnusswasser als auch Kokosnussmilch zunächst mit Sanddorn infusioniert und dann mit den Spirituosen gemischt werden. Das Ergebnis erinnert an einen Milk Punch, nur ohne die dezenten Zitrus-Noten. Ein angenehmer Drink, der nichts falsch macht und niemanden herausfordert, aber auch seine natürlichen Zutaten nicht ganz zur Geltung bringt.

Also trank ich meine beiden aus der "Signature-Karte", der einzigen, die ich kannte und von der mir erzählt worden war, als ein Platz an der Bar frei wurde. Das gab mir endlich die Gelegenheit, mich kurz mit einer Barkeeperin zu unterhalten (die mir zum Beispiel von der Sanddorn-Infusion erzählte), aber auch ein ganzes Heft mit Drinks zu entdecken, das auf der Theke lag. Es war voller zumindest neugierig machender Cocktails und anständiger Spirituosen. Ist das einfach eine Version der Karte aus der Bar im Erdgeschoss über Lucy's? Ist das für Touristen, die keine konzeptionellen Signature-Drinks wollen? Es passt zwar nicht ganz zum minimalistischen Stil und Konzept, aber ich hätte trotzdem gerne davon gewusst, als ich platziert wurde.

Da ich bereits zwei Cocktails bestellt hatte und die nächsten Stationen auf mich warteten, war ich nicht ganz überzeugt davon, etwas aus diesem klassischeren Menü (mit trotzdem dem ein oder anderen spannenden Riff) zu probieren, aber ich denke, hier wird vielleicht der nächste Gast oder unser nächster Besuch helfen, ein vollständiges Bild zu zeichnen. Die saisonalen Signatures waren in Ordnung, sie waren easy (im Falle des ersten, zumindest nachdem er verdünnt wurde) und an sich gut zubereitet, nur ein wenig zu clean und übermäßig abgeschliffen. Da ich weiß, dass Fermentationen (wie auch bei Röda Huset und Gemma) für die Bar offenbar wichtig sind, hätte ich gerne mehr darüber erfahren oder gesehen, aber davon war weder in der Präsentation, noch auf der Karte etwas zu finden. Vielleicht sind die wirklich ernsthaften Drinks hier maßgeschneidert? Hier scheint der hervorragende Service in Stockholm oft zu versagen, nämlich bei der Vermittlung des Konzepts.

Ich verstehe, dass moderne Barbesucher und Barbesucherinnen nicht immer wählerisch sind was die Drinktiefe angeht und sich meist einfach eine "entspannte Atmosphäre" für einen Abend wünschen. Vielleicht einen Ort für ein Gespräch nach der Arbeit oder ein Date, mit Drinks, die die Sinne nicht überfordern. Ich glaube, dass die Signature-Karte und das solide, aber etwas durchschnittliche Erlebnis bei Lucy's genau das bieten, mit einem hohen Serviceniveau und handwerklicher Qualität dahinter.

Cheers,

/jf


Auszüge aus dem Menü (Signature + das erwähnte Büchlein, anklicken für Originalgröße):

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