#68 | Prescription Cocktail Club, Paris, France


Last Visit: Fall 2023

Wir sind wieder zurück in Paris und ebenso wieder auf der Rive Gauche, dem linken bzw. südlichen Seine-Ufer und damit dort, wo nach Ansicht mancher (meine Mutter möglicherweise darunter) "die echten Pariser" ihre Zeit gerne verbringen. Abseits vom massiven Touri-Strom der Boulevards, aber zugleich auch voller Wohnungen gekauft und bewohnt/untervermietet von wohlhabenden Ausländern, da das 6th Arrondissement auch schon seit gut 20-30 Jahren alles andere als ein Geheimtipp ist. Nicht falsch verstehen, wir sind immer noch im Stadtzentrum von Paris und damit bleibt es schnell, Autos, auch Touristen laufen herum. Aber doch bin ich jedes Mal erstaunt, wie viel gesetzter, angenehmer und zumindest etwas authentischer es doch ist im Vergleich zu den Straßen zwischen dem Boulevard Haussmann und Louvre.

Copyright: Prescription Cocktail Club

Wir sind nur 2-3 Straßen entfernt von unter anderem dem spannenden Cravan Projekt (unser nächster Paris Bar-Artikel), einem Chartreuse-Flagship Store (mit eigener kleiner Tasting-Bar) und keine 100m Luftlinie von der Île de la Cité, der berühmten Flussinsel mit der noch berühmteren 2024 wiedereröffneten Kathedrale. Die mit dem eigenen Disney-Film und dessen belletristischen Vorlage von Nationaldichter Victor Hugo, ihr wisst schon.

Erst kurz vor meinem Besuch wurde der Prescription Cocktail Club, der übrigens zu der großen und erfolgreichen Reihe von Bars des Experimental Cocktail Club (hier unser Artikel) gehört, umfangreich renoviert und quasi relauncht. Auf älteren Fotos sieht man eine Bar, die typisch Oldschool Paris bzw. frühe Bar Renaissance generell ist und der Mutter-Bar noch sehr ähnlich sieht. Offene Backsteinwände, raueres Holz, leichter Vintage- und Craft-Vibe, man könnte - wenn man raten müsste - auch in einer Bar in Brooklyn oder einem Arbeiterviertel in London 2010 sein, ihr wisst, was ich meine. Nicht nur, weil es den Look somit eh schon gab und folglich mehr Abwechslung immer spannender ist, sondern auch weil ich das neue Theme sehr atmosphärisch finde, ist die Neuinterpretation sehr begrüßenswert.

Copyright: Prescription Cocktail Club

Man hat sich für eine Mischung aus Belle Époque, ein wenig Grand Opera-Vibes und die kleine Portion Astrologie/Mystizismus entschieden, was auch historisch gut ineinander verläuft und passt. Eigentlich bin ich immer recht vorsichtig bei nach einem sehr bestimmten, alles bestimmendem Thema durchdesignten Bars, da es schnell wie eine Location im Theme Park oder touristische Hotelbar wirken kann. Hier jedoch wirkte es sehr stimmig, vielleicht auch aufgrund der dezenten Abwechslung mit der Astrologie, statt z.B. auch einfach nur auf historische Figuren usw. im Menü zu gehen und vor allem, weil das Personal keine unangenehmen Uniformen, die schon wie halbe Kostüme wirken (wie in manch anderen "Theme"-Bars), anziehen muss.

Auch merkt man die Qualität des Designs wie auch der Materialien sofort in den Details und dass hier mit einer Designerin gearbeitet wurde, die auch Hotels auf Korsika, mitten in London und anderswo in Paris designt hat. Das kann sich natürlich nur eine Gruppe mit entsprechendem Backing leisten, aber genau deshalb begrüße ich dann mal die Abwechslung und top Ausführung. Die Karte ist klein, aber fein und ebenso typisch Paris, was hier meint "nur" 10 Signature-Cocktails, dazu 2 nicht-alkoholische und natürlich Champagner (Pol Roger als Hausmarke im Übrigen eine fantastische Wahl). Auch wie in den meisten Bars der Stadt eher dezent auf einer aufklappbaren Papierkarte, hier wenigstens mit netten Designdetails wie einem Mond und anderen Elementen aus dem Rest der Bar.

Copyright (first row of pics below): Prescription Cocktail Club

Boite de Pandore

| Buffalo Trace Bourbon
| Dolin Vermouth Rouge
| Liqueur du Moment [liqueur of the moment]
| Bitter de Saison Maison [seasonal housemade bitters]
|
Vieilli en fût [barrel aged]

Peinlicherweise habe ich hier ausnahmsweise mal recht wenig Details zum konkreten Inhalt des Drinks. Da er einer der wenigen, klassischen stirred Drinks war und ich eh Lust auf einen Manhattan-Style Cocktail hatte, bestellte ich ihn schon nach dem Lesen der ersten zwei Zutatenzeilen. Es folgte ein schnelles Foto der Karte und der Gedanke "Steht ja da für das spätere Artikelschreiben". Pustekuchen. Angelehnt an den stimmigen Namen (Pandoras Büchse zu deutsch), ist es nämlich quasi ein saisonaler bzw. wechselnder Drink. Nur eben mit bestimmter Schablone eines Manhattan bzw. eher Bobby Burns (mit dem Zusatzlikör wie ja auch dem Bénédictine im BB). So steht dort eben, dass Likör und Bitter wechseln können, wobei auch nicht täglich, da ja der ganze Drink fassgelagert ist, ergo ist es irgendwie auch wieder vorbestimmt zumindest für einige Zeit und sie wollen nur nicht alle 1-2 Monate (die Mindestzeit für eine sinnvolle Fassreifung) etwas neues hinschreiben?

Spielt aber nicht wirklich eine Rolle, einerseits habe ich immerhin noch wage im Kopf, dass auf Nachfrage Picon Amer erwähnt wurde und ich nehme an, dass die merklichen Biernoten, die ich im Drink hatte, wiederum von selbstgemachten Bier-Bitters stammen (oder er lag in einem ehemaligen Bierfass natürlich). Angelehnt an den traditionellen Drink aus Picon und Bier im Elsass und anderen Regionen Frankreichs. Alles zusammen lief dann heraus auf Noten von Feige, Nüsse, schön düster, bierig in der Nase als auch mit schönem malzigen Finish im Mund, ausbalanciert, leicht süß wie eben ein guter Bobby Burns. Ein klasse stirred Drink, klassisch und hochwertig, wie ich es mag.

Odyssee

| Laphroaig 10yo
| Skynos
| Lemon
| Cherry tomato
| Basil
| Simple Syrup

Ein sehr spannender Cocktail, insbesondere für mich im Speziellen. Denn ich kann, trotz aller Liebe für italienische Küche und auch für ganze, frische Tomaten, kalten Tomatensaft bzw. kaltes Püree wiederum überhaupt nicht ab. Bei selbst hochwertigsten Bloody Mary's wird mir direkt leicht übel. Die eine Ausnahme bildete tatsächlich nur ein Drink im Sips Essencia - nur um mal die nötige Qualität einzuordnen - und der war auch schon recht weit abgewandelt von etwas wie einer Bloody Mary. War gottseidank der hier übrigens auch, man stelle sich mediterranean Tiki vor. Zunächst süße, dezente Tomate, der Mastiha erinnert zusammen damit an edles Pesto, eine frische, grüne Eukalyptusnote, dann Zitrusfrische und feinmalzige Smokyness. Überraschend smooth und easy, blind könnte man auch fast denken hier wäre irgendeine tropische Fruchtmischung drin. Sehr cooler Drink, der nochmal dazugewinnt, wenn man erst nach dem Trinken wirklich weiß was drin ist und wie cool das funktioinert.


Der Presciption Cocktail Club ist eine mehr als solide Empfehlung und gute Wahl, insbesondere wenn man sich eh gerade auf der anderen (oder richtigen?) Seite der Seine wiederfindet. Sehr nettes Personal, die einem gerne bei der Wahl und Erklärungen helfen und wirklich aufmerksam sind, dazu ein Drink für jeden Geschmack und wie vielerorts in der starken Bar-Ausbildungsstadt Paris genug Wissen und Können, um auch immer solide Tailor-Made Drinks anzubieten. Wenn man nur sehr kurz die französische Metropole besucht und/oder nur Zeit für 2-3 Bars hat, gibt es natürlich mehr High End-Konzepte was die reine Cocktailauswahl angeht, aber das wird hier auch garnicht erst versucht. Das ist auch gut so, denn wie viele Bars mit schickem Design und noch anspruchsvoller klingendem Menü, die dann an eben diesen Ansprüchen krachend gescheitert sind, habe ich schon besucht? Die Antwort: Zu viele. Den Prescription Cocktail Club dagegen werde ich gerne wieder besuchen.

/rds


Das Menü während meines Besuchs (für Originalgröße anklicken):

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