#76 | Mothership, San Diego, USA


Last Visit: Spring 2024

San Diego ist für Tiki-Fans so etwas wie ein Pilgerort. Zwischen Klassikern wie dem Grass Skirt und zahllosen weiteren Cocktailbars, auch abseits der exotischen Sehnsucht, sticht jedoch ein Ort besonders hervor: Mothership. Während andere Locations versuchen, einen in eine Fiktion irgendwo zwischen Karibik und Pazifik zu entführen, schickt einen das Mothership gleich für einen Urlaubstrip auf einen anderen Planeten. Und genau dort begann einer meiner ungewöhnlichsten Barabende überhaupt.

Nach einem Besuch im oben erwähntem Grass Skirt führte mich meine Tiki-Mission quer durch San Diego. Mit José ging es durch die Nacht, ein sympathischer Mexikaner mit einer bemerkenswerten Sammlung an Geschichten und außerdem unser Uber-Fahrer, der mich durch die faszinierende Stadt bis zum Mothership brachte, wo ich bereits für 22 Uhr einen Platz an der Bar reserviert hatte. Doch noch bevor ich die Tür öffnete, nahm der Abend eine unerwartete Wendung.

Copyright: Imbibe

Vor dem Eingang lernte ich zwei junge Amerikaner kennen, die wiederum eigentlich einen Tisch für drei Personen reserviert hatten. Ihr dritter Mann war kurzfristig abgesprungen und nach wenigen Minuten Gespräch war die Lösung gefunden: Ich wurde kurzerhand zum fehlenden Teammitglied erklärt und durfte statt meines Barplatzes gemeinsam mit ihnen den Tisch übernehmen. Was als zufällige Begegnung begann, entwickelte sich zu einem jener Abende, die man nicht planen kann. Stunden später zogen wir noch gemeinsam durch verschiedene Bars und Pubs der Stadt. Der Kontakt und die gemeinsame Liebe für diese kultige Nische der Barkultur besteht bis heute.

Schon beim Betreten wird klar, dass das Mothership keine gewöhnliche Tiki-Bar sein möchte. Die Geschichte des Hauses erzählt von einem havarierten Raumschiff, dessen Besatzung auf einem geheimnisvollen Planeten notlanden musste und dort schließlich eine permanente tropische Kolonie errichtete. Was zunächst nach einer verrückten Idee klingt, straight aus einem B-Movie Sci-Fi Schinken vergangener Zeiten, wird im Inneren mit beeindruckender Konsequenz umgesetzt. Die Wände wirken wie die Höhlen einer anderen Welt. Überall leuchten Kristalle und seltsame Pflanzen in kräftigen Farben.

Copyright: Mothership

Die Decke funkelt wie ein Sternenhimmel, nichts erinnert an die weit entfernte Außenwelt. Statt Bambushütten und Fischernetzen dominieren außerirdische Landschaften, psychedelische Lichtinstallationen, Raumschiffmetall und futuristische Formen. Dennoch spürt man unter all dem Science-Fiction-Lack die Seele einer echten Tiki-Bar: Eskapismus, Fantasie und die Lust, dem Alltag für ein paar Stunden zu entkommen.

Schon die Getränkekarte macht deutlich, dass hier niemand den einfachen Weg gewählt hat. Statt einer klassischen Cocktailkarte erhält man etwas, das eher an eine technische Betriebsanleitung eines Raumschiffs erinnert, Cocktails aus dem Bordcomputer. Zwischen Zeichnungen, Diagrammen und kryptischen Bezeichnungen sucht man sich seinen nächsten Kurs durch die Galaxie aus, hochwertig und stimmig designt, ohne dabei zu kitschig zu werden (siehe unten). Auch der Umfang ist typisch Tiki-Bar eher auf der größeren Seite, über 25 Drinks, davon 8 nicht-alkoholische Signatures, das kann sich sehen lassen. Was sich ebenso sehen lassen kann ist das Bar Food (siehe Foto oben), ob südamerikanische, asiatische oder karibische Einflüsse, die Range umfasst ganze Kategorien von hausgemachtem, einzigartigen Soft-Eis, zu Lemon Pepper Tofu, Carrot Orange Miso Cake, zu Paella und herzhaften Pancakes. Am Ende des Menüs gibt es dann noch die "Souvenirabteilung", von Kristalllampen wie auf den Bartischen verteilt zu sehen, zu natürlich Keramikschalen und -krügen für die Tiki-Drinks daheim, Sweatshirts, Vinyl-Scheiben mit dem Mothership "Soundtrack". Hier wird fast schon ein Mothership-Universe a la Marvel aufgebaut.

Astro Zombie

| Aged Caribbean Rum
| 151 Demerara Rum
| Stroh 160 Austrian Rum

| Amaro Meletti
| Grapefruit
| Lime

| Cinnamon
| Cherry Grenadine
| Passion Fruit

| Absinthe

An diesem Abend entschied ich mich zunächst für den Astro Zombie. Kraftvoll, komplex und mit jener exotischen Tiefe, die man von einem modernen Tiki-Drink erwartet. Dabei halfen natürlich die zahlreichen Zutaten, die dem Drink mehr Würze geben wie der Amaro, gleich zwei Overproof Rums, extra Zimt und Absinth. Ein sehr erweiterter und doch hervorragend funktionierender Take auf den klassischen Zombie-Cocktail.

Wormhole

| Mezcal
| Stroh 160 Austrian Rum
| Licor de Elote

| Coconut Cream
| Caramel Butter
| Lime

| Lemon
| Candied Orange

Später folgte der Wormhole und was für ein Abschluss das war. Der Drink wirkte wie der passende Rausschmeißer für einen ohnehin surrealen Abend. Präsentation, Geschmack und Atmosphäre verschmolzen zu einem Erlebnis, auch wenn beide hier gezeigten noch die zurückhaltenderen Cocktails in Sachen Deko und Glas/Mug sind. Rauchigkeit, exotische Süße genau abgestimmt mit knackiger Säure und einem tollen Mundgefühl. Einer dieser Cocktails, die man nicht einfach trinkt, sondern an die man sich noch Jahre später erinnert, wenn man über "ideale Tiki-Drinks" nachdenkt und selbst rumexperimentiert.

So beeindruckend die Einrichtung und die Drinks auch waren, die stärkste Erinnerung an das Mothership sind für mich nicht die leuchtenden Kristalle, die außerirdischen Höhlen oder die Science-Fiction-Story. Es sind die Menschen. Fremde Welten und neue Freunde. Ein zufälliges Gespräch vor der Tür führte dazu, dass ich den gesamten Abend mit zwei Fremden verbrachte, die längst keine Fremden mehr sind. Genau solche Begegnungen machen Reisen besonders. Und vielleicht passt das sogar perfekt zur Geschichte des Motherships: Gestrandete Reisende, die irgendwo in der Fremde eine Gemeinschaft finden.

Das Mothership gehört zu den kreativsten Bars, die ich bisher besucht habe. Es ist keine klassische Tiki-Bar und will auch keine sein. Stattdessen nimmt sie die Grundidee des Tiki-Eskapismus und katapultiert sie mit Warp-Geschwindigkeit in die Tiefen des Weltraums. Die spektakuläre Gestaltung, die fantasievollen Cocktails, der sehr nette Service und die konsequente Geschichte machen jeden Besuch zu einer kleinen Expedition. Doch die größte Überraschung wartete für mich nicht auf der Karte und auch nicht im Glas, sondern direkt vor der Eingangstür. Manchmal reicht ein freier Platz an einem Tisch für drei Personen, um aus einem guten Barbesuch eine Erinnerung fürs Leben zu machen.

/ar


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